Kategorie: Allgemein

  • Bettinas Weihnachtsbrief 2025

    Frankenwinheim, den 18.12.2025

    Liebe Freunde,

    mein Tag beginnt gut, wenn ich vor dem Aufstehen schon mal eine halbe Stunde lesen kann und dabei einen Espresso trinke, den Martin seit vielen Jahren für unseren Tagesbeginn ans Bett bringt. Diesmal war es der Artikel „Lob der kleinen Schritte“ aus der aktuellen „Die Zeit“ in dem ich auf einen Widerhall von Gedanken stieß, die mich in diesem Jahr besonders bewegt haben. Petra Pinzler analysiert, wie das Beschwören der nahenden Ökokatastrophe den Blick auf die vielen Erfolge erschwert und die Menschen mutlos mache. Die Hoffnungen auf den besseren Menschen, auf fähigere Politiker, auf ein Ende des Kapitalismus wären vergeblich, aber es gibt viele kleine Taten, die eine besondere Kraft haben. Sie zitiert als mögliche Haltung einen Rat des Neurologen Dr. Volker Busch (auch bekannt von seinem wirklich hörenswerten Podcast „Gehirn-gehört“): „nicht Pessimismus, nicht Optimismus, sondern Possibilismus: Schauen, was gerade möglich ist, und es dann tun.“

    „Schauen, was gerade möglich ist, und es dann tun.“ Eigentlich entspricht das genau dem Appell Rio Reisers von unserer Weihnachtskarte: „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?“ Genau so verstehe ich das Leben und versuche danach zu handeln. In kleinen Schritten, mit dem, was mir möglich ist. Ich registriere in meinem direkten Umfeld die Herausforderungen und Probleme und fühle mich angesprochen, meinen Teil zu einer Lösung beizutragen. Beim Neujahrsempfang der Gemeinde durfte ich im Januar unseren Pfarrer vertreten und habe in meiner Rede meine Haltung „Ja“ zu sagen und mich zu engagieren dargestellt und dabei aufgezeigt, dass ein Gelingen von Gemeinschaft immer ein Zusammenspiel von vielen Menschen benötigt. So sind beispielsweise in unserer Pfarrgemeinde mit 573 katholischen Christen über 80 Personen in verschiedensten Aufgabenbereichen tätig, von den Küstern über die Blumenschmückerinnen, Kirchenputzerinnen und so viel mehr bis zu den 33 MinistrantInnen. Sie alle sagen immer wieder „Ja“ zur Übernahme von Verantwortung und tragen zum Gemeinwohl bei. 

    Diese Haltung möchte ich mir nicht nehmen lassen, auch nicht das Gefühl von Sinnstiftung und Erfüllung, das erfahren werden kann, wenn wir das tun, was uns möglich ist. 2026 werden es beispielsweise 20 Jahre, dass wir im Team die KLJB neu gegründet haben und Jugendarbeit für alle Kinder unseres Dorfes anbieten. In dieser Zeit waren über 140 Kinder bei Gruppenstunden, Altpapiersammeln, Wochenenden, Faschingstanz, Theaterspielen, Eislaufen und vielem mehr dabei und trotz Corona und der Schwierigkeit für jeden von uns, dafür Zeit zu erübrigen, machen wir weiter. 

    Alle Aktivitäten sind mit Aufwand und Arbeit verbunden, so wie jedes Fest, zu dem wir einladen, erstmal Planung, Vorbereitung und Kosten bedeutet, dann aber im gemeinsamen Feiern seine Krönung erlebt. Martin und die Jungs bereiten gerade das „Fetzen“-Konzert mit den „Vorglühern“, der Band von Benjamin, Valentin, Jonathan und Martin als Vorband vor „STOFF“, der Kombo von Salomon und Fridolin mit ihren Freunden für den 20.12. vor. Auch da sind jede Menge Aktivität und Proben nötig, um einen gelungenen Gig hinzulegen.

    Wir konnten einige Feiern in diesem Jahr ausrichten und miterleben, was wunderbare Gelegenheiten für Begegnungen bot. Die Freiluftsaison haben wir mit einem Hoffest an meinem Geburtstag begonnen, Hofkonzerte durchgeführt und dann die drei Abschlüsse von Magdalena, Jonathan und Salomon zusammen gefeiert. Außerdem haben wir 2025 die kulturellen Angebote in der Umgebung intensiv wahrgenommen und waren auf mehr als 22 Theateraufführungen, Musicals oder Konzerten. Mit „Anatevka“ am Mainfrankentheater am 21.12. gönnen wir uns noch ein besonderes Erlebnis vor Weihnachten. 

    Immer wieder hat mich dabei in diesem Jahr die Hölle des Nationalsozialismus, die Verführung des Faschismus und der Abgrund der Judenvernichtung, sowie die systematische Auslöschung als „unwert“ bezeichneter Menschen beschäftigt. Vermutlich spielt, neben dem 80. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager und meiner Ausbildung zur Trauerbegleitung, die erschreckende Verdüsterung der amerikanischen Demokratie durch kleptokratische Tendenzen eine Rolle. Dabei waren diese Themen nicht nur im Theater und Museum, sondern in vielen unterschiedlichen Büchern und dann besonders in unserem gemeinsamen Besuch in Auschwitz präsent. „Kaltes Krematorium“, ein Bericht des ungarischen Journalisten Jósef Debreczeni aus Auschwitz, das 70 Jahre nahezu vergessen war, ist eine Reportage des Schreckens und hat mich tief beeindruckt.

    Gerade die Beschäftigung mit den Themen Tod, Verlust und Trauer ist für mich kein deprimierender Dämpfer meiner Lebensfreude, sondern lässt mich die Kostbarkeit des Augenblicks, die Bedeutung von Verbundenheit und Liebe umso tiefer erfahren und wertschätzen. Und in meinem Umfeld möchte ich deshalb weiterhin „schauen was möglich ist und es dann tun.“

    Charlie (7), unser Schnoodle, lebt ein wundervolles Hundeleben und ist ein Meister der Entspannung, der Muße und der Gelassenheit. Mit Abstand bekommt er die meisten Streicheleinheiten in der Familie und erfreut uns alle mit seinem unmittelbarem Gegenwartsbezug.

    Benjamin (16) hat in diesem Sommer die 10. Klasse des Gymnasiums in Gerolzhofen beendet und ist nun in der 11. in Wiesentheid. Dort spielt er in der Rockband der Schule am Bass und am Schlagzeug. Im Februar hatte er für Schlagwerk das Leistungsabzeichen silber mit sehr gutem Erfolg absolviert. Ab und zu setzt er sich ans Klavier, gerade allerdings muss er Fridolin bei STOFF am Schlagzeug vertreten, insofern ist das Trommeln gerade deutlich hörbarer. Zu einer großen Leidenschaft Benjamins hat sich Volleyball entwickelt, wofür er normalerweise dreimal wöchentlich trainiert, außer die Jugendfeuerwehr übt am Montag für einen Leistungstest. Er ist nach wie vor im Team der Oberministranten aktiv und hat auch bei der KLJB nach seiner Gruppenleiterschulung in den Faschingsferien mehr Verantwortung übernommen. 

    Valentin (19) brennt ebenfalls für die Musik und es ist eine tolle Möglichkeit für alle, direkt hier im Haus einen Proberaum nutzen zu können. Er sitzt oft am Klavier, spielt Bekanntes oder improvisiert, nimmt dafür noch Unterricht, ebenso wie für E-Bass, hat aber ebenso seine Fähigkeiten der Begleitung von Songs mit der Gitarre vertieft. In der Fachakademie für Sozialpädagogik in Schweinfurt ist er im 3. Jahr seiner Ausbildung zum Erzieher und froh, mit dem heutigen Tag die letzte Klausur vor den Weihnachtsferien in einem Strudel von Unterrichtsvorbereitungen, Schulaufgaben und Referaten nun geschrieben zu haben. Natürlich sind regelmäßige Treffen und Aktivitäten mit seinen Freunden sehr wichtig und nehmen immer wieder Raum ein.

    Salomon (21) hat im Sommer seine Ausbildung zur Pflegefachkraft an der Uniklinik in Würzburg beendet und arbeitet nun dort auf einer Station der Neurologie. Er wohnt weiterhin in Grombühl mit seinem Kumpel, seine Freundin lebt ganz in seiner Nähe und er kommt wegen seiner Schichtarbeitszeiten bei uns in Frankenwinheim sehr unregelmäßig vorbei. Salomon spielt Klavier, E-Bass und produziert vor allem Musik. Regelmäßig unternimmt er Kurztrips mit seinen Freunden, so beispielsweise nach Amsterdam und Wien in diesem Jahr.

    Fridolin (23) erlebt sein 5. Semester, das Praxissemester, gerade an der Universität in Montevideo in Uruguay. Dort ist er seit Mitte August, hat zuerst in einer Molkerei bei der Käseherstellung gearbeitet und konnte glücklicherweise in eine Arbeitsgruppe im Bereich Festkörperphysik einsteigen. Sein Zimmer in Coburg ist untervermietet und im März wird er dorthin zurückkehren. In Südamerika nimmt er sich neben der Uni Zeit für Sport und Musik und vor allem für seine Freunde dort aus dem Austauschjahr vor sechs Jahren.

    Jonathan (26) hat im Sommer seine Ausbildung zum Modedesigner erfolgreich abgeschlossen. Ein besonderes Erlebnis für uns alle war die Modenschau in Mannheim zur Präsentation der Abschlussarbeiten seines Jahrgangs, bei der unser diesjähriges Weihnachtsfoto entstand. Er zog dann zurück nach Frankenwinheim und hat sich dort eine Atelierecke eingerichtet, während er gerade als Ankleider am Mainfrankentheater in Würzburg in eine ganz besondere Arbeitswelt eintaucht. So kann er die „Vorglüher“ noch intensiver musikalisch unterstützen und pflegt seine Freundschaften und die Familienbande.

    Magdalena (28) war mit ihrem Freund Max in den Faschingsferien für eine Woche mit dem Nachtzug in Rom. Zuvor wurde ihre Fehlsichtigkeit durch das Einsetzen zusätzlicher Linsen dauerhaft korrigiert, was für sie den willkommenen Abschied von Brille und Kontaktlinsen bedeutete. Magdalena konnte im Sommer ihr Referendariat beenden und sich für eine Stelle in München bewerben. Sie wurde tatsächlich dem gewünschten Gymnasium zugeordnet und erlebt nun den „normalen“ Schulalltag mit großen Klassen und Klassenleitung einer 5. Klasse. Zuvor mussten sie und Max natürlich erstmal eine Wohnung finden und haben den Umzug Anfang September sehr gut hinbekommen.

    Martin (58) verbringt viel Zeit in der Schule und gestaltet die Außenstelle Gerolzhofen mit Freude und Initiative. Darüberhinaus ist er nach wie vor gerne Lehrer und hat neue Ideen von Magdalena immer mit Neugier aufgegriffen. In diesem Jahr haben wir unseren 29. Hochzeitstag in Regensburg gefeiert und uns immer wieder Zeit für Kultur nehmen können. Natürlich gibt es für Martin fortlaufend Arbeiten in Haus und Hof, er nimmt Charlie regelmäßig mit in die Schule und besonders gefällt ihm das Musizieren mit den Jungs oder mit SongTimes. Wenn Martins E-Gitarre am Abend erklingt, ist es für ihn ein guter Tagesbeschluss. Daneben machen wir weiterhin Pilates und gehen ins Fitnessstudio, nur leider plagt Martin gerade eine Entzündung der Achillessehne, die nur sehr langsam heilt.

    Bettina (56): Meine Leidenschaft gilt immer noch dem Lesen und ich bin zufrieden, wenn ich mir dafür ausreichend Zeit nehme. Die Einblicke in fremde Leben erfüllen mich, öffnen mir die Augen und zeigen mir neue Perspektiven. Auch für meine FreundInnen möchte ich immer Zeit finden, desgleichen für den Austausch mit Martin und den Kindern. Ich führe ein wirklich reiches, gesegnetes Leben und habe dadurch Ressourcen, mich für die Bewohner des Wohnstiftes, aber auch in der Kirchengemeinde und im Dorf zu engagieren. 

    Insofern blicke ich zuversichtlich in das Neue Jahr und wünsche uns allen, dass wir dem Possibilismus eine Chance geben und im Bereich unserer Möglichkeiten die Potentiale für Veränderung erkennen und das unsere beitragen, also „schauen, was gerade möglich ist, und es dann tun.“